Geschichte

Geschichte

"Jauchzet frohlocket, auf preiset die Tage
rühmet was heute der Höchste getan.
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an.
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
lasst uns den Namen des Herrschers verehren."

J.S.Bach Eingangschor Weihnachtsoratorium

Seit 1984 unterrichte ich am Oberstufenzentrum Rapperswil. Dort betreute ich während 25 Jahren in erster Linie den Musikunterricht. Nach einigen Aufführungen mit dem damaligen Schülerinnen- und Schülerchor (Zeller-Weihnacht, offenes Singen) reizte es mich, ein Werk der sogenannten klassischen Chorliteratur aufzuführen. Leider fehlten mir dazu Männerstimmen, da die wenigen Knaben die Tenor- und Bassstimmen nicht kräftig genug ausführen konnten. Also wurde ich aktiv und suchte per Flugblatt vor allem Väter, die in einem Elternchor gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die "Missa brevis in D" von W. A. Mozart vorbereiten sollten. Wie so oft, wenn man fürs Singen Männer sucht, melden sich vor allem Frauen. Ich freute mich am regen Zuspruch und begann nach den Sommerferien mit den Proben fürs erste Weihnachtskonzert.

Im selben Frühjahr 1987, beim Examenessen der Lehrerschaft, habe ich von Elsbeth Boss erfahren, dass es im Frauenchor Rapperswil ein wenig kriselte. Die Frauen suchten eine Gelegenheit, an Weihnachten gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern etwas aufzuführen. Also wurde erneut verhandelt. Nach langem Hin und Her im Frauenchor (Musikkommission, Vorstand, Dirigentin, das Werk hatte ich ja schon ausgewählt, ich durfte bei den Frauen probedirigieren etc.) kam es dann zu einem gemeinsamen Projekt. Ich will nicht verschweigen, dass ich die Frauen vor die Tatsache gestellt habe, dass ich auch ohne sie ein Konzert durchführen werde.

Nun brauchte es Solisten, ein Orchester und vor allem Geld. Ich organisierte dies alles praktisch im Alleingang. Es wurden Musiker angefragt, Briefe verschickt an Firmen und Unternehmen.

Im Dezember 1987 war es dann soweit, das erste Weihnachtskonzert konnte in der schönen und akustisch ausgezeichneten Kirche Rapperswil stattfinden. Die Begeisterung war hüben und drüben gross. Also organisierte ich ein Jahr später wieder ein Konzert. Der Frauenchor half offiziell nicht mehr mit, aber einige Sängerinnen blieben dem Elternchor treu. Dies nährte natürlich die Befürchtungen, dass durch meine Projekte die Dorfchöre zerstört würden. Ängste, die sich im Nachhinein als völlig unbegründet erwiesen, da wir ja nicht die gleiche Literatur pflegen. Übrigens, als wir dann den Chor gründeten, wechselte der grösste Teil der Frauen zu uns, weil sie damals keine Dirigentin mehr hatten.

Schon früher stellte ich fest, dass in Rapperswil und der weiteren Umgebung keine Konzertchöre oder Kirchenchöre existierten und demzufolge auch keine entsprechenden Konzerte durchgeführt wurden. Einzige Lichtblicke in diesem Musikgenre waren die beeindruckenden Konzerte der Chorgemeinschaft Kirchdorf.

In den Verbandsgemeinden der Schule gab und gibt es eine Menge von Frauen- und Männerchören. Die sogenannte "elitäre" Musik wurde auf dem Lande nicht gepflegt. Dort sah ich ein Defizit. Viele Menschen könnten überregional gemeinsam diese Chormusik pflegen und einen Beitrag zur Verständigung leisten. Ich erinnere mich gut an einen Sängerausspruch nach einem Weihnachtskonzert: "Mit em gmeinsame Singe hei mer festgstellt, dass es änet em Wald o nätti Lüt git."

Nach dem dritten Weihnachtskonzert 1989 entschieden sich die Sängerinnen und Sänger des Elternchors auch in der ersten Hälfte des Jahres zu singen. Wir nannten uns Singkreis Rapperswil und führten am 23. Juni 1990 als erstes Werk Rossinis "Petite Messe" auf.

Damals organisierten wir uns locker, ohne Statuten, ein kleine Gruppe half mir bei den Vorbereitungen.

Der Chor und der Dirigent entwickelten sich, die Ansprüche stiegen. Als wir im Dezember 1992 Bachs Weihnachtsoratorium erstmals mit einem Profiorchester aus Tschechien darboten, erreichten wir damit erstmals einen grossen Höhepunkt.

Alle Mitwirkenden, die in den letzten Jahren mitgesungen haben und immer noch mitsingen, erlebten bei jedem neuen Werk das erhabene Gefühl, von der Musik getragen zu sein, sogar einem Vogel ähnlich, über der Erde schwebend. Das Gefühl des Abhebens, etwas Besonderes erlebt zu haben bestärkte uns jedes Mal aufs Neue und deshalb dürfen wir nun schon auf zehn Jahre zurückblicken.

Die Erfahrungen gemeinsamen Musizierens sind von enormer Wichtigkeit. Ohne viel Worte erleben wir durchs Singen, was es bedeutet, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein. Den Weg, den wir gemeinsam beschreiten vom ersten scheuen Lesen in den Noten bis zum selbstverständlichen Gestalten der Musik beim Konzert ist auch für mich jedes Mal ein Wunder. Was doch diese schwarzen Tüpfchen alles in sich bergen, wenn Menschen es verstehen, sie weiterzugeben.

Auch gilt es manchmal Widerstände bei sich selber zu überwinden. Ich denke an die Zeit zurück, als wir Honeggers "Oratorio de Noël" einstudiert haben. An neue Klänge müssen wir uns gewöhnen, wir müssen sie in uns aufnehmen, um sie überzeugend zu vermitteln. Stimmungen in der Musik aufnehmen, sie zu verarbeiten, alsdann sie zum Leben zu erwecken, gehört zu den vornehmen Aufgaben eines Chorsängers, einer Chorsängerin. Chorsingen bedeutet für mich gelebte Solidarität, vor allem wenn es sich um eigene Wünsche betreffend der Werkwahl handelt. Da ist jedes gefordert ab und zu über seinen Schatten zu springen. Weiter möchte ich die tiefe Ehrfurcht vor dem Göttlichen erwecken, die uns in der Musik begegnet, ohne Worte, sondern selbstredend in der Sprache der Musik. Ein wahrer Höhepunkte im Chorleben ist es, wenn es uns gelingt, in dieser Haltung zu musizieren.

Die Freude am Gestalten eines Oratoriums, das die Phantasie anregt und Bilder in uns hervorruft, die nur durch Musik entstehen können, ist ein Geschenk, das wir nur erhalten, wenn wir uns darauf einlassen.

Die Chorliteratur, als unversiegbare Quelle, bietet uns noch unzählige Entdeckungen an. Deshalb wünsche ich mir als Gründer und Leiter des Konzertchors Rapperswil, dass wir auch in Zukunft noch viele neue Werke erlernen dürfen. Den Sängerinnen und Sängern möchte ich mit der Musik weiterhin aufstellende, unbeschwerte Abende schenken. Unsere Freude an der Musik möge in jedem Konzert auch unsere Zuhörerinnen und Zuhörer ergreifen, damit sie dem Alltag enthoben werden und sich für einige Stunden ganz dem Erbaulichen, der Freude hingeben dürfen. Ich hoffe, dass das über uns schwebende Damoklesschwert Finanzen nicht zuklappt, damit wir die für uns lebenswichtige Aufgabe weiterführen können. Wir möchten auch in den nächsten Jahren vielen Menschen mit unserer Musik Freude bereiten und gemeinsame bleibende Erfahrungen machen.

In diesem Sinn wünsche ich dem Konzertchor für die nächste Dekade viel Gesang.

 

Peter Loosli
Dirigent